Südafrika – Land der 1.000 Gesichter

Südafrika kann Vieles: Beeindrucken, beglücken, atemrauben, erheben, ermutigen. In dem einem Moment. Schon im nächsten Moment kann es bedrücken, erschüttern, niederschmettern, kleinmachen und einschnüren. Alles liegt hier so eng beeinander, oft nur einen Steinwurf. Hier der tolle Ausblick, gleich hinter der Hecke ein Townships, hier der lächelnde, stolze und hilfsbereite Südafrikaner, eine Ecke weiter drei Jungs, die wahrscheinlich nicht zum Spaßen aufgelegt sind.

Ich mag dieses Land trotzdem gerade wegen seiner Vielfalt. Es strahlt so viel Potential aus und angesichts des spektakulären Wandels, den dieses Land seit dem Ende der Apartheid 1990 durchlebt, sind die Erfolge erstaunlich. Auch scheinen europäische oder westliche Maßstäbe ungeeignet, dieses abschließend bewerten zu wollen. Noch scheinen die Herausforderungen groß. Die Südafrikaner gehen Ihren eigenen Weg und man kann nur hoffen, dass Sie aufmerksam den Blick nach Simbabwe richten und nicht die gleichen Fehler begehen, wie die einst so wohlhabenden und heute vor dem Ruin stehenden Nachbarn.

Politik beiseite. Stellen wir das Leben in den Mittelpunkt und schauen nach den Unterschieden, die zu erfahren wir schließlich losgefahren sind und deren Wahrnehmung durch das schleichende Alltäglichwerden verblasst:

  • Uhren und Zeit laufen hier vollkommen anders, besonders in den Abendstunden. Viele Läden schließen 17 oder 18 Uhr, größere Supermärkte 20 Uhr. Danach ist ernsthaft “Schicht im Schacht”. “Spätis”? Fehlanzeige.  Damit ist auch Bier zum Mitnehmen ab 19 Uhr und generell sonntags nahezu nirgendwo zu bekommen, weder an Tankstellen, noch in Geschäften und auch nicht bei kleinen Imbiss-Ständen. Viele Kneipen und Gaststätten schließen schon gegen 22 oder 23 Uhr, danach braucht es Glück oder Ortskenntnis um die Nacht etwas zu verlängern. Gerade im Vergleich zur “Spätstadt” Leipzig ist dies ausgesprochen bemerkenswert.
  • Südafrikaner lieben offenbar Grünflächen. Egal ob Verkehrsinsel oder englischer Rasen im Park, gern nimmt man Platz oder legt sich auch auf’s Ohr.
  • Die Vorteile von mehrlagigem Klopapier und Mischarmaturen an Waschbecken und Badewannen sind noch weitgehend unentdeckt.
  • Südafrikaner sind sehr “wetterfühlig”, besonders auf Regen. Ist das Wetter schlecht, werden alle Aktivitäten auf ein absolutes Minimum reduziert. Wer glaubt, dass sei bei uns doch nicht wesentlich anders, der hat das hier erreichte “Minimum” noch nicht gesehen.
  • Seltsamer Weise stören geringe Temperaturen hingegen wenig. Selbst wenn draußen luftige 8 Grad sind, werden oft alle Türen und Fenster offen gelassen, man wickelt sich Decken um die Hüfte und erzählt sich, dass es “aber wirklich sehr kalt sei”.
  • Die Produktivität muss hier einen bedenklich niedrigen Wert haben und Sinn machende Veränderungen an bestehenden Prozessen sind das Ding der Südafrikaner nicht. Ein Beispiel unter vielen: In einem Hostel befanden sich hinter der Bar weder das am meisten gekaufte Bier, noch das Wechselgeld. Beides wurde – jeweils einzeln – für jede Bestellung aus den hinteren Räumen besorgt. Gestört hat das keinen.
  • Das hiesige Trockenfleisch (“Biltong”) ist eine großartige Erfindung und hätte bei uns sicher viel Potential. Man bekommt es überall, im Stadion beim Biltong-Verkäufer, in Supermärkten in der Nähe der Süßigkeiten an der Kasse, in Landgeschäften aus eigener Produktion usw. Unbedingt probieren, wenn man die Gelegenheit dazu hat.
  • Fruchttorten und -kuchen bzw. allgemein hochwertige Backwaren sind hingegen extrem selten. Ersteres ist uns in 5 Wochen Südafrika kein einziges Mal vergönnt gewesen. Was für ein riesiger Markt hier warten würde, wenn man hier erst mal auf den Geschmack gekommen wäre.
  • Ohne Auto ist dieses Land de facto nicht sinnvoll und zu bereisen. Selbst die Tour von Kapstadt zum Kap der guten Hoffnung würde ohne Auto Aufwand machen und ein Vermögen kosten.
  • Das Fahren auf der linken Seite in einem rechtsgelenkten Auto ist nach etwas Gewöhnung wirklich keine große Herausforderung mehr. Vielmehr kämpft man in einigen Gegenden eher mit unvermittelt auftretenden Getier, Fahrrädern oder  - ganz fies – tiefen Schlaglöchern oder künstlichen Huckeln zur Geschwindigkeitsbegrenzung, die sich direkt an einen autobahnähnlichen Abschnitt anschließen können. Einen hab ich auch übersehen und unser Polo hat einen ordentlichen Satz gemacht… :)
  • Als Budget für zwei Erwachsene und ein Kind hat sich angesichts der nicht unerheblichen Lebenshaltungskosten und dem zwangsweise zu mietenden Auto ein Wert von 120 EUR pro Tag als sinnvoll einzuplanend herauskristallisiert.
  • Wir waren 5 1/2 Wochen hier und haben bei weitem nicht alles gesehen und wenig getrödelt. Wäre es warm würde ich bedauern, dass wir nicht noch zwei Wochen die exzellenten Surfreviere der Garden Route nutzen konnten. Daraus ergibt sich eine unseres Erachtens sinnvolle Mindestzeit von 7 Wochen, und da war man noch nicht ein mal im benachbarten Namibia. Ein schneller und damit teurer Hin- und Rückflug zu den Victoria-Fällen ließe sich bei entsprechendem Budget von Jo’burg sicher einplanen – uns war es zu teuer. Verschoben ist nicht aufgehoben.
  • Mobilfunk spielt hier eine noch größere Rolle, als in Deutschland, insbesondere hinsichtlich des gegenseitigen Geld transferierens.
  • Bereist man Städte, benötigt man m. E. zwingend ein hiesiges Mobiltelefon und eine Liste vertrauenswürdiger Taxinummern, da es entweder nur einen sehr eingeschränkten, oder einen für Touristen de facto unzugänglichen Nahverkehr gibt. So ist z. B. in Johannesburg das angestrebte Zielgebiet mittels Handzeichen anzuzeigen, damit der richtige Minibus auch stoppt oder Menschenschlangen stehen in für Außenstehende wirr erscheinender und unbeschilderter Ordnung auf einem Stadtplatz um einen der zu wenigen Plätze in einem der zu wenigen Busse zu bekommen. Zwischen den Taxis besteht hinsichtlich Ausrüstung und Versicherung oft ein großer Unterschied. Beispielsweise sind in Kapstadt geschätzt ca. 4.000 Taxis unterwegs, von denen 900 legal sind. Man erkennt diese hauptsächlich daran, dass sie auffällige und permanent haftende Werbung am Auto haben. Hingegen sind jene mit nur den gelben Taxileuchten auf dem Dach und angebrachten Magnetwerbetafeln besser zu meiden, oder der Preis vorher zu verhandeln.
  • Das Sortiment afrikanischer Souvenirs, insbesondere geschnitzter Vokskunst, ist überall im Land nahezu identisch. Vermutlich stammt der Großteil aus einer riesigen Afrika-Souvenier-Fabrik.. wir hatten hier ein deutlich abwechslungsreicheres und bunteres Sortiment erwartet, ist aber eigentlich egal, da wir ja eh nichts kaufen soll(t)en… :)
  • Das Afrika was man hier sieht und erfährt, kommt nicht auf unseren Fernsehkanälen. :)
  • Das Bewusstsein für die (auch eigene) Umwelt entsteht hier gerade erst.
  • Südafrika ist teilweise das Land der von der Gesellschaft aufgegebenen Innenstädte. Diese werden häufig dem Verfall und der Kriminalität preisgegeben. Kapstadt scheint hier die einzige Ausnahme zu sein bzw. stellvertretend für das Land nach dem geeigneten Rezept zu suchen. Aktuell besteht dieses Rezept aus einer massiven Präsenz von Security-Angestellten und der offenbar großzügigen, aber ineffizienten und noch immer unzureichenden Arbeitsbeschaffung. Aller naselang jemand der beim Einparken hilft, einen der die Straße kehrt, einen der das Auto während des Parkens unbedingt waschen möchte, einen der Einkaufswagen von der Kasse zurückbringt, eine die die gekauften Dinge in eine Tüte packt, einen das Auto betankt, einen der Geldautomaten bewacht (was offenbar sehr sinnvoll ist), eine die in der Kirche riesige Messingvasen putzt usw.
  • Unser sicher subjektiver Eindruck: Die Schuld an den Sicherheitsproblemen geben die Weißen den Schwarzen und die Schwarzen den Nigerianern und Angolanern.
  • Südafrikaner sind in der Regel sehr stolz auf Ihr Land.
  • Was wir nicht wussten: Die DDR war gemeinsam mit Kuba und anderen Ostblockstaaten indirekt am Bürgerkrieg in Angola und damit an einem Krieg gegen das damalige Apartheid-Regime in Südafrika und Mächten des Westblocks beteiligt. Insbesondere Kampfpiloten sollen direkt an Kampfhandlungen teilgenommen haben.